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#standwithukraine II – ein Reisebericht

Fahrt an die polnisch-ukrainische Grenze

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Mein Name ist Daniel Martin und ich durfte Teil einer humanitären Hilfsaktion sein.
Ein Freund von mir, Christian Rose, arbeitet bei “Don Bosco“ und hat mich auf die Aktion von Don Bosco, der Gemeinde Taura und der USG Chemnitz aufmerksam gemacht. „Die waren vor zwei Wochen schon dort, haben Hilfsgüter abgegeben und betroffene Menschen mit nach Sachsen gebracht. Da mach ich mit!“ Nach dieser Aussage von Christian war für mich klar, ich begleite ihn und die Unternehmung und stelle mich und meinen T5-Transporter zur Verfügung.
Innerhalb einer Woche wurde alles organisiert und es konnte losgehen.

Am Freitag, dem 25.03.2022, 14.30 Uhr war Start am Bürgerhaus in Taura. Mit vier gut beladenen Transportern ging es los Richtung Polen. Genauer gesagt war unser Ziel die nahe der ukrainischen Grenze gelegene Stadt Przemyśl. Die ist ca. 830 km entfernt.

Die Crew bestand aus freiwilligen Helfern, bunt zusammengemischt, die wenigsten kannten sich vorher. Ilka, Heike, Chris, Juliane, Matthias, Jochen [a.k.a. Philip – Red.], Christian und ich - je Auto zwei Fahrer.
Mitarbeiter von Don Bosco und der USG Chemnitz, eine Krankenschwester, ein Ingenieur, ein Student, eine Frau im Ruhestand und ein Gastronom. Alle mit dem gleichen Gedanken: Hilfe leisten.
Die beiden Frauen Ilka und Heike haben mich persönlich besonders beeindruckt. Mit der Erfahrung von der letzten Reise, einem unheimlichen Mut und dem Antrieb, Gutes zu tun, haben die beiden uns angeführt. Auch der Rest der Crew hat immer alles gegeben. Ich kenne nicht mal die Nachnahmen dieser ganzen tollen Menschen, fühle mich dennoch emotional mit ihnen verbunden.

Apropos Emotionen, davon war unsere Reise geprägt:

Auf dem Weg nach Przemyśl haben wir ca. 200 km vor Ankunft eine Übernachtungspause in einem Airport Hotel in der Nähe von Krakau gemacht. Etwas ausgeruht ging es am Samstagmorgen gegen 8.00 Uhr weiter Richtung Grenze. Angekommen in der Stadt Przemyśl sind wir auf direktem Weg zur römisch-katholischen Kirche „St. Josef Priester“ gefahren. Dort haben wir mit Hilfe der Schülerinnen und Schüler des Internats die Hilfsgüter ausgeladen, welche dann am Montag, 28.03.2022, direkt ins Kriegsgebiet in die Ukraine gingen.

Die Autos nur noch mit leeren Sitzbänken bestückt, wollten wir direkt zur Grenze fahren und schauen, ob wir ukrainischen Flüchtlingen direkt helfen können und sie ins Erstaufmahmelager fahren. Auf der Straße Richtung Grenze war Stau. Die Anspannung bei meinem Beifahrer Christian und mir stieg an. Was erwartet uns jetzt? Es ging nicht wirklich vorwärts und wir schauten ob wir an der Autoschlange vorbeifahren könnten oder wie wir jetzt vorwärtskommen. Ein paar Autos vor uns sahen wir zwei Männer in Uniform. Wir wussten nicht genau was da vor sich ging. Sind das Polen? Ukrainer? Und was kontrollieren die??
Es stellte sich heraus, dass es zwei britische Reservisten waren, die mit einem Auto voller Arzneimittel und Verbandszeug 250 km in die Ukraine fahren wollten, um dort Verwundeten zu helfen. Mit denen konnten wir uns sehr gut auf Englisch verständigen und sie gaben uns den Tipp, dass wir uns doch erst am Erstaufnahmelager anmelden sollten, dann wären wir registriert und es laufe einfacher, Flüchtlinge mitzunehmen.

Also sind wir umgekehrt und auf dem kurzen Weg ins Lager wurde uns auch langsam bewusst, dass alle Menschen hier aus einem Grund herkommen und quasi das gleiche Ziel verfolgen: helfen.
Die zwei britischen Reservisten hatten die Sanitäter-Uniform der britischen Armee an.
Wow... irgendwie beindruckend und gleichzeitig bedrückend. So viel Mut muss man erstmal haben, um so direkt da rein zu fahren. Von der Grenze machten sich viele Menschen auf den Weg in die Ukraine. Nach Hause, um die Familie zu holen, einreisen, um zu helfen, Hilfsgüter ins Land zu bringen oder Menschen, die auf der Flucht sind, aus dieser Hölle zu holen. Norwegen, Holland, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Spanien, Dänemark…Kennzeichen aus fast allen europäischen Ländern haben wir gesehen.

Ankunft am Erstaufnahmelager. Ein Fahrer jedes Fahrzeuges sollte sich registrieren. „Vor zwei Wochen war hier noch mehr los und es war chaotischer“ meint Ilka. Die ukrainischen Menschen sind in einem alten Einkaufscenter untergebracht. Dort darf keiner rein außer den Helfern vor Ort. Im Eingangsbereich kann man sich anmelden, es kommt auch recht schnell ein deutscher Helfer zu uns und fragt ein paar Fakten ab: „Wohin?“, „wie viele könnt ihr mitnehmen?“ etc. - 4 Autos à 6 Sitzplätze, also können wir 24 Personen transportieren.

Geht los, wir sind bereit.

Der nette Helfer ist mit den Informationen los und kommt nach ca. 10 Minuten wieder, um uns mitzuteilen, dass inklusive der von uns angebotenen gerade 200 Sitzplätze Richtung Deutschland verfügbar sind, aber keiner der Menschen dort mitfahren wolle. „Das kann sich binnen zwei Stunden ändern“ sagt der Helfer. Hm... was jetzt? Ich habe dem jungen Mann, dessen Name ich leider nicht weiß, meine Telefonnummer gegeben. Er will sich melden, falls sich was ergibt und hat uns noch den Tipp, mal am Bahnhof zu schauen, mit auf den Weg gegeben.
Ab zum Bahnhof.

Dort angekommen merken wir schnell, dass hier wesentlich mehr Chaos herrscht und mit jedem Zug neue Flüchtlinge direkt aus der Ukraine ankommen.
Ausgestattet mit Schildern, auf denen in ukrainischer Sprache „Deutschland - Chemnitz, Leipzig, Dresden“ steht, ziehen wir los, um Menschen zu finden, die mit uns nach Sachsen wollen.
Nun sind wir voll drin. Unsere Emotionen haben wir seit ein paar Stunden nicht mehr voll unter Kontrolle. Die Blicke der ukrainischen Menschen sind voller Schmerz, Unsicherheit und Angst. Kinder weinen, weil das Kuscheltier weg ist oder sie ihre Eltern suchen.
Keiner versteht die deutsche oder englische Sprache. Dementsprechend schwer ist es, Leute anzusprechen und Vertrauen zu gewinnen. Wir Männer haben es noch schwerer als die Frauen.
Da es leider Menschenhändler gibt, die ihr Unwesen an solchen Hotspots treiben, sind die Menschen (vor allem Frauen und Kinder) total verunsichert und vertrauen niemandem so einfach. Verständlicherweise…

Irgendwie haben wir es geschafft, in diesem ganzen Trubel einige Menschen zu finden, die wir zumindest bis ins Erstaufnahmelager mitnehmen können. Mithilfe von Dolmetschern am Telefon und einigen etwas Englisch sprechenden Flüchtlingen ist es uns möglich das Vertrauen von einigen Flüchtlingen zu gewinnen.

Alle 4 Autos voll mit Menschen geht es erstmal zurück zur Erstaufnahme, wo die Flüchtlinge auch registriert werden. Eine Frau mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Mutter haben wir dorthin mitgenommen, sie will nach Portugal weiter. Andere nach Italien. Die junge Frau wollte uns sogar Geld für die geleistete Hilfe geben. Das haben wir dankend abgelehnt, sind mit einem kleinen guten Gefühl wieder zu den Autos und haben alle Mitfahrer auf den Sitzplätzen verteilt - jede Familie wollte natürlich zusammenbleiben. Letztendlich treten wir mit 20 Personen, einer Katze und einem Hund an Bord die Rückreise an. In meinem Auto sitzen zwei behinderte Männer und ein altes Ehepaar (Ü80), das zu ihrem Enkel nach Frankfurt wollte.

Die erste Stunde auf der Rückfahrt sprechen Christian und ich kein Wort miteinander. Zu viele Eindrücke und die Tatsache, dass wir grad wirklich mit Flüchtlingen Richtung Sachsen unterwegs sind, hat uns einfach nur “geflasht“.
Die Kommunikation im Auto ist auf ein Wort beschränkt. TOILET. Ok, alle wissen, hier muss jemand pinkeln. Alle zwei, drei Stunden machen wir Rast. Im Auto von Chris und Matthias sitzt eine sechsköpfige Familie. Kinder, ca. 8,6,4,2 Jahre alt. Mindestens drei “Stinkbomben“ müssen beseitigt werden. Ich weiß nicht genau, wie lange die Familie schon unterwegs war, doch leider haben die Kinder bei dieser strapaziösen Reise das Auf-Toilette-gehen etwas verdrängt und es läuft dann, wenn sie müssen. Ich bin kein Psychologe, aber sie wirken einfach traumatisiert!

Der ältere Mann bei mir im Auto war die ganze Fahrt etwas unruhig und nervös. Während eines Toiletten-Stops büxt er aus und irrt verwirrt über den Rastplatz. Hat sich von mir nicht helfen lassen. Erst seine Frau konnte ihn wieder ins Auto holen. So gibt es in jedem Auto Schicksale, die wir überhaupt nicht nachvollziehen können. Leider haben wir aufgrund der Sprachbarriere nicht wirklich viel über die Menschen erfahren können.

Sonntagmorgen gegen 4.00 Uhr: Ankunft am Erstaufnahmelager in Chemnitz.
Oh Gott, das sieht ja aus wie ein Gefängnis! Das sind unsere ersten Gedanken. Und auch die unserer Mitfahrer. 3 Meter hohe Zäune, Stacheldraht, fettes Tor und 4-6 Beamte davor. Ja, das ist sicherlich auch zum Schutz der Bewohner, aber für den ersten Eindruck nicht so schön.
Es dauert ca. eine Stunde bis alle Pässe kopiert und alle Formalitäten am Eingangstor erledigt sind. Die Kompetenz der Herren am Tor kann ich nur an der erhobenen Stimme von Heike erahnen und ihrer Frage, ob er „den ersten Tag da“ wäre.
Wir sind in den Hof eingefahren und müssen unsere Mitfahrer bei den Maltesern anmelden. Das dauert auch wieder ca. eine Stunde und auch hier werden wir von unglaublich inkompetentem Wachpersonal begrüßt. Sich zu beschweren, dass sie jetzt richtig arbeiten müssten und doch gleich Schichtwechsel wäre und wie beschissen doch grad alles ist, wirkt auf uns unerträglich unmenschlich und verstörend. Wie kann man Menschen, die seit Tagen vor dem Krieg flüchten, so begrüßen bzw. nicht willkommen heißen. Zwei Jungs der Großfamilie stehen zitternd in der Kälte und wurden einfach nicht beachtet, geschweige denn, ihnen eine Decke angeboten. Das haben dann Christian und ich übernommen. Christian geht dann auch mit rein und hat den Jungen auf dem Arm. Der hat eine nasse Hose und ist verängstigter denn je. Auf dem sicheren Arm von Christian hat sich der Junge regelrecht an ihm festgeklammert und gekuschelt. Ihm hat einfach Liebe und Geborgenheit gefehlt.
Wie sollten die Eltern von vier Kindern auf so einer Reise auch Liebe und Sicherheit geben, wenn sie doch selber Angst und Verunsicherung verspüren.

Mit einem anfänglich schlechten Gewissen, die mit uns nach Deutschland gekommenen Frauen, Männer und Kinder dort gelassen zu haben, sind wir Sonntagmorgen gegen 6.30 Uhr zuhause angekommen. Die Gewissheit, dass sie dort sicher sind und das erste Mal seit langer Zeit wieder Privatsphäre haben, lässt uns aber doch mit einem guten Gefühl zurück.

Danke an alle Beteiligten!!! Ich bin jederzeit bereit wieder zu helfen, egal in welcher Form.
Humanitäre Hilfe kostet unheimlich viel Energie, gibt einem aber gleichzeitig auch Energie und Schaffenskraft zurück.

Daniel Martin
Café Meyers
Limbach – Oberfrohna
März 2022

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Mein Name ist Daniel Martin und ich durfte Teil einer humanitären Hilfsaktion sein.
Ein Freund von mir, Christian Rose, arbeitet bei “Don Bosco“ und hat mich auf die Aktion von Don Bosco, der Gemeinde Taura und der USG Chemnitz aufmerksam gemacht. „Die waren vor zwei Wochen schon dort, haben Hilfsgüter abgegeben und betroffene Menschen mit nach Sachsen gebracht. Da mach ich mit!“ Nach dieser Aussage von Christian war für mich klar, ich begleite ihn und die Unternehmung und stelle mich und meinen T5-Transporter zur Verfügung.
Innerhalb einer Woche wurde alles organisiert und es konnte losgehen.

Am Freitag, dem 25.03.2022, 14.30 Uhr war Start am Bürgerhaus in Taura. Mit vier gut beladenen Transportern ging es los Richtung Polen. Genauer gesagt war unser Ziel die nahe der ukrainischen Grenze gelegene Stadt Przemyśl. Die ist ca. 830 km entfernt.

Die Crew bestand aus freiwilligen Helfern, bunt zusammengemischt, die wenigsten kannten sich vorher. Ilka, Heike, Chris, Juliane, Matthias, Jochen [a.k.a. Philip – Red.], Christian und ich - je Auto zwei Fahrer.
Mitarbeiter von Don Bosco und der USG Chemnitz, eine Krankenschwester, ein Ingenieur, ein Student, eine Frau im Ruhestand und ein Gastronom. Alle mit dem gleichen Gedanken: Hilfe leisten.
Die beiden Frauen Ilka und Heike haben mich persönlich besonders beeindruckt. Mit der Erfahrung von der letzten Reise, einem unheimlichen Mut und dem Antrieb, Gutes zu tun, haben die beiden uns angeführt. Auch der Rest der Crew hat immer alles gegeben. Ich kenne nicht mal die Nachnahmen dieser ganzen tollen Menschen, fühle mich dennoch emotional mit ihnen verbunden.

Apropos Emotionen, davon war unsere Reise geprägt:

Auf dem Weg nach Przemyśl haben wir ca. 200 km vor Ankunft eine Übernachtungspause in einem Airport Hotel in der Nähe von Krakau gemacht. Etwas ausgeruht ging es am Samstagmorgen gegen 8.00 Uhr weiter Richtung Grenze. Angekommen in der Stadt Przemyśl sind wir auf direktem Weg zur römisch-katholischen Kirche „St. Josef Priester“ gefahren. Dort haben wir mit Hilfe der Schülerinnen und Schüler des Internats die Hilfsgüter ausgeladen, welche dann am Montag, 28.03.2022, direkt ins Kriegsgebiet in die Ukraine gingen.

Die Autos nur noch mit leeren Sitzbänken bestückt, wollten wir direkt zur Grenze fahren und schauen, ob wir ukrainischen Flüchtlingen direkt helfen können und sie ins Erstaufmahmelager fahren. Auf der Straße Richtung Grenze war Stau. Die Anspannung bei meinem Beifahrer Christian und mir stieg an. Was erwartet uns jetzt? Es ging nicht wirklich vorwärts und wir schauten ob wir an der Autoschlange vorbeifahren könnten oder wie wir jetzt vorwärtskommen. Ein paar Autos vor uns sahen wir zwei Männer in Uniform. Wir wussten nicht genau was da vor sich ging. Sind das Polen? Ukrainer? Und was kontrollieren die??
Es stellte sich heraus, dass es zwei britische Reservisten waren, die mit einem Auto voller Arzneimittel und Verbandszeug 250 km in die Ukraine fahren wollten, um dort Verwundeten zu helfen. Mit denen konnten wir uns sehr gut auf Englisch verständigen und sie gaben uns den Tipp, dass wir uns doch erst am Erstaufnahmelager anmelden sollten, dann wären wir registriert und es laufe einfacher, Flüchtlinge mitzunehmen.

Also sind wir umgekehrt und auf dem kurzen Weg ins Lager wurde uns auch langsam bewusst, dass alle Menschen hier aus einem Grund herkommen und quasi das gleiche Ziel verfolgen: helfen.
Die zwei britischen Reservisten hatten die Sanitäter-Uniform der britischen Armee an.
Wow... irgendwie beindruckend und gleichzeitig bedrückend. So viel Mut muss man erstmal haben, um so direkt da rein zu fahren. Von der Grenze machten sich viele Menschen auf den Weg in die Ukraine. Nach Hause, um die Familie zu holen, einreisen, um zu helfen, Hilfsgüter ins Land zu bringen oder Menschen, die auf der Flucht sind, aus dieser Hölle zu holen. Norwegen, Holland, Frankreich, Schweiz, Deutschland, Spanien, Dänemark…Kennzeichen aus fast allen europäischen Ländern haben wir gesehen.

Ankunft am Erstaufnahmelager. Ein Fahrer jedes Fahrzeuges sollte sich registrieren. „Vor zwei Wochen war hier noch mehr los und es war chaotischer“ meint Ilka. Die ukrainischen Menschen sind in einem alten Einkaufscenter untergebracht. Dort darf keiner rein außer den Helfern vor Ort. Im Eingangsbereich kann man sich anmelden, es kommt auch recht schnell ein deutscher Helfer zu uns und fragt ein paar Fakten ab: „Wohin?“, „wie viele könnt ihr mitnehmen?“ etc. - 4 Autos à 6 Sitzplätze, also können wir 24 Personen transportieren.

Geht los, wir sind bereit.

Der nette Helfer ist mit den Informationen los und kommt nach ca. 10 Minuten wieder, um uns mitzuteilen, dass inklusive der von uns angebotenen gerade 200 Sitzplätze Richtung Deutschland verfügbar sind, aber keiner der Menschen dort mitfahren wolle. „Das kann sich binnen zwei Stunden ändern“ sagt der Helfer. Hm... was jetzt? Ich habe dem jungen Mann, dessen Name ich leider nicht weiß, meine Telefonnummer gegeben. Er will sich melden, falls sich was ergibt und hat uns noch den Tipp, mal am Bahnhof zu schauen, mit auf den Weg gegeben.
Ab zum Bahnhof.

Dort angekommen merken wir schnell, dass hier wesentlich mehr Chaos herrscht und mit jedem Zug neue Flüchtlinge direkt aus der Ukraine ankommen.
Ausgestattet mit Schildern, auf denen in ukrainischer Sprache „Deutschland - Chemnitz, Leipzig, Dresden“ steht, ziehen wir los, um Menschen zu finden, die mit uns nach Sachsen wollen.
Nun sind wir voll drin. Unsere Emotionen haben wir seit ein paar Stunden nicht mehr voll unter Kontrolle. Die Blicke der ukrainischen Menschen sind voller Schmerz, Unsicherheit und Angst. Kinder weinen, weil das Kuscheltier weg ist oder sie ihre Eltern suchen.
Keiner versteht die deutsche oder englische Sprache. Dementsprechend schwer ist es, Leute anzusprechen und Vertrauen zu gewinnen. Wir Männer haben es noch schwerer als die Frauen.
Da es leider Menschenhändler gibt, die ihr Unwesen an solchen Hotspots treiben, sind die Menschen (vor allem Frauen und Kinder) total verunsichert und vertrauen niemandem so einfach. Verständlicherweise…

Irgendwie haben wir es geschafft, in diesem ganzen Trubel einige Menschen zu finden, die wir zumindest bis ins Erstaufnahmelager mitnehmen können. Mithilfe von Dolmetschern am Telefon und einigen etwas Englisch sprechenden Flüchtlingen ist es uns möglich das Vertrauen von einigen Flüchtlingen zu gewinnen.

Alle 4 Autos voll mit Menschen geht es erstmal zurück zur Erstaufnahme, wo die Flüchtlinge auch registriert werden. Eine Frau mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Mutter haben wir dorthin mitgenommen, sie will nach Portugal weiter. Andere nach Italien. Die junge Frau wollte uns sogar Geld für die geleistete Hilfe geben. Das haben wir dankend abgelehnt, sind mit einem kleinen guten Gefühl wieder zu den Autos und haben alle Mitfahrer auf den Sitzplätzen verteilt - jede Familie wollte natürlich zusammenbleiben. Letztendlich treten wir mit 20 Personen, einer Katze und einem Hund an Bord die Rückreise an. In meinem Auto sitzen zwei behinderte Männer und ein altes Ehepaar (Ü80), das zu ihrem Enkel nach Frankfurt wollte.

Die erste Stunde auf der Rückfahrt sprechen Christian und ich kein Wort miteinander. Zu viele Eindrücke und die Tatsache, dass wir grad wirklich mit Flüchtlingen Richtung Sachsen unterwegs sind, hat uns einfach nur “geflasht“.
Die Kommunikation im Auto ist auf ein Wort beschränkt. TOILET. Ok, alle wissen, hier muss jemand pinkeln. Alle zwei, drei Stunden machen wir Rast. Im Auto von Chris und Matthias sitzt eine sechsköpfige Familie. Kinder, ca. 8,6,4,2 Jahre alt. Mindestens drei “Stinkbomben“ müssen beseitigt werden. Ich weiß nicht genau, wie lange die Familie schon unterwegs war, doch leider haben die Kinder bei dieser strapaziösen Reise das Auf-Toilette-gehen etwas verdrängt und es läuft dann, wenn sie müssen. Ich bin kein Psychologe, aber sie wirken einfach traumatisiert!

Der ältere Mann bei mir im Auto war die ganze Fahrt etwas unruhig und nervös. Während eines Toiletten-Stops büxt er aus und irrt verwirrt über den Rastplatz. Hat sich von mir nicht helfen lassen. Erst seine Frau konnte ihn wieder ins Auto holen. So gibt es in jedem Auto Schicksale, die wir überhaupt nicht nachvollziehen können. Leider haben wir aufgrund der Sprachbarriere nicht wirklich viel über die Menschen erfahren können.

Sonntagmorgen gegen 4.00 Uhr: Ankunft am Erstaufnahmelager in Chemnitz.
Oh Gott, das sieht ja aus wie ein Gefängnis! Das sind unsere ersten Gedanken. Und auch die unserer Mitfahrer. 3 Meter hohe Zäune, Stacheldraht, fettes Tor und 4-6 Beamte davor. Ja, das ist sicherlich auch zum Schutz der Bewohner, aber für den ersten Eindruck nicht so schön.
Es dauert ca. eine Stunde bis alle Pässe kopiert und alle Formalitäten am Eingangstor erledigt sind. Die Kompetenz der Herren am Tor kann ich nur an der erhobenen Stimme von Heike erahnen und ihrer Frage, ob er „den ersten Tag da“ wäre.
Wir sind in den Hof eingefahren und müssen unsere Mitfahrer bei den Maltesern anmelden. Das dauert auch wieder ca. eine Stunde und auch hier werden wir von unglaublich inkompetentem Wachpersonal begrüßt. Sich zu beschweren, dass sie jetzt richtig arbeiten müssten und doch gleich Schichtwechsel wäre und wie beschissen doch grad alles ist, wirkt auf uns unerträglich unmenschlich und verstörend. Wie kann man Menschen, die seit Tagen vor dem Krieg flüchten, so begrüßen bzw. nicht willkommen heißen. Zwei Jungs der Großfamilie stehen zitternd in der Kälte und wurden einfach nicht beachtet, geschweige denn, ihnen eine Decke angeboten. Das haben dann Christian und ich übernommen. Christian geht dann auch mit rein und hat den Jungen auf dem Arm. Der hat eine nasse Hose und ist verängstigter denn je. Auf dem sicheren Arm von Christian hat sich der Junge regelrecht an ihm festgeklammert und gekuschelt. Ihm hat einfach Liebe und Geborgenheit gefehlt.
Wie sollten die Eltern von vier Kindern auf so einer Reise auch Liebe und Sicherheit geben, wenn sie doch selber Angst und Verunsicherung verspüren.

Mit einem anfänglich schlechten Gewissen, die mit uns nach Deutschland gekommenen Frauen, Männer und Kinder dort gelassen zu haben, sind wir Sonntagmorgen gegen 6.30 Uhr zuhause angekommen. Die Gewissheit, dass sie dort sicher sind und das erste Mal seit langer Zeit wieder Privatsphäre haben, lässt uns aber doch mit einem guten Gefühl zurück.

Danke an alle Beteiligten!!! Ich bin jederzeit bereit wieder zu helfen, egal in welcher Form.
Humanitäre Hilfe kostet unheimlich viel Energie, gibt einem aber gleichzeitig auch Energie und Schaffenskraft zurück.

Daniel Martin
Café Meyers
Limbach – Oberfrohna
März 2022

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